Gönnhardt: Kapitel 50

Köpfchen haben.

Nur Schorschi freute sich auf den Abend. Er dachte an das Essen, die restlichen Füchse an die geladenen Gäste.

Es stand ein Treffen unter dem Motto Projekt Eigenheim an. Da Anne ja selbst in die Geschichte verwickelt war, setzten die Füchse ihre Hoffnungen vor allem in sie. Der Plan, den die Füchse in ihrer langen Nacht ausgeheckt hatten: Wir laden Anne und die Tierschützer der Tierschutzcrew Karlsruh’ ein, die helfen uns bei der Wohnungssuche, Geldbeschaffung und vielleicht beim Umzug.

So baten sie Guido am nächsten Morgen, Anne und Freunde einzuladen. Guido hatte vollstes Verständnis, er setzte sich sofort ans Telefon. Doch es blieb vorerst beim Versuch, Anne und Freunde einzuladen. Denn es ist gar nicht so einfach eine Einladung auszusprechen, wenn man niemanden erreicht.

Anne machte sich rar. Sie ließ entweder durchklingeln oder wimmelte Guido am Telefon unhöflich ab: Gerade ist ganz schlecht. Ich melde mich, wenn ich etwas Luft habe. Anne musste an diesen Tagen an Atemnot und Sauerstoffmangel leiden, sie blieb den Rückruf schuldig. Guido musste es bei dem Vizevorsitzenden Thilo versuchen, der leider so verbindlich wie ein mündlicher Vertrag mit einem Säugling war. Es brauchte daher einige weitere Anrufe, bis das Treffen mit der gesamten Tierschutzcrew stand.

Und heute war dieser Tag gekommen. Wie immer, wenn Menschen zu Besuch kamen, waren die Hüte der Füchse feierlich aufgesetzt. Gönnhardts Hut sah dank Guidos handwerklichen Fähigkeiten wieder ganz passabel aus.

Die Füchse saßen schon im Keller, als eine dezimierte Tierschutzcrew herunterkam. Anne hatte den Anfang gemacht. Mathilde und Thilo wollten etwas später in den Keller nachkommen. Die beiden hatten vor, den Wölfen Hallöchen zu sagen, wie Anne erklärte.

Die Füchse hatten den Boden beim Fenster liebevoll mit Kissen, Vorhängen und anderen Textilien zur Lounge umgestaltet. Gönnhardt bat, es sich bequem zu machen. Anne kam direkt auf das fehlende Mitglied zu sprechen.

Anne: Die Sayenne lässt sich entschuldigen. Die kümmert sich gerade um andere Probleme. Die kann deshalb heute nicht.

Dass das ganz bestimmt nicht die Wahrheit war, wusste Bertram mit absoluter Sicherheit. Lügen war schließlich Annes größtes Hobby. In Bertrams Gedankenwelt führte Sayenne eine gemeine, geheime Mission durch, die Anne in der Zeit der Funkstille organisiert hatte. Anne hatte tatsächlich geflunkert. Sayenne war in Wirklichkeit gerade Shisha-Rauchen. Sayenne datete nun einen Studenten der technischen Künste. Ein oft gesehenes Phänomen von jungen Frauen in neuen Beziehungen: Sie passte sich dem Lebensstil ihres Auserkorenen an. Nicht nur die Rastas säbelte sie ab, auch der Tierschutz wurde hinten angestellt.

Sayennes Fehlen konnten die Füchse verkraften. Sie bekamen auch gar keine Gelegenheit, wegen der Nachricht griesgrämig zu werden. Mittlerweile waren auch die beiden anderen Tierschützer im Keller. Für den Aufreger des Abends sorgte Mathilde. Sie kam mit bleichem Gesicht und bluttriefender Hand die Treppe herunter: Voll aggro, die Wölfe. Voll die animalischen Urinstinkte. Der eine hat mich voll krass gebissen. Was meint ihr, liegt das an meiner roten Unterwäsche? Sie streckte den Füchsen ihren Hintern entgegen und zupfte mit der heilen Hand am Saum ihres Schlüppers.

Florentine: IHHH! Weg!

Claudette: Pfui.

Gönnhardt wollte die Situation retten: Äh ja, die … äh … Farbe ist abstoßend für uns Tiere.

Sayenne gelobte andersfarbige Unterwäsche, dann ließ sie sich von der herbeigeeilten Anne mit Mineralwasser und Stoffservietten verarzten. Während das Blut trocknete, machte Thilo das, was er am besten konnte. Er beschwichtigte: Aber der Wolf hat dich doch gar nicht mit voller Kraft gebissen. Er hat nur Dominanz gezeigt, weil wir in sein Revier eingedrungen sind. Er hat es sogar gut mit dir gemeint. Wir müssen einfach nachsichtig mit den Wölfen sein. Die hatten noch keine Zeit, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren.

Bertram schaute Anne und die Dazugekommenen hoffnungsvoll an. Mit einem gewissen Hintergedanken fragte er: Woher bekommt man eigentlich Fernseher?

Die Tierschützer ließen es sich nicht nehmen, Bertram zu belehren, dass Lesen viel besser als Fernsehen war. Diese Aussage kam bei Bertram gar nicht gut an. Anne erklärte ihm dann, dass sie allerhöchstwahrscheinlich keinen neuen Fernseher auftreiben konnte. Es war ein schlechtes Vorzeichen, das dann direkt mit einem üblen Nachgeschmack garniert wurde. Denn: Es wurde aufgetischt.

Das Essen schmeckte grausig. Da die Füchse nicht kochen konnten und man Guido die Überstunden nicht zumuten wollte, war ausgemacht worden, dass die Gäste für das leibliche Wohl sorgen. Jedes Crewmitglied hatte eine Speise vorbereitet. Jetzt probierte man gemeinsam die Gerichte.

Thilo machte den Anfang mit Pasta alla panna vegana. Schorschi nickte nach dem ersten Bissen: Das ist gelungen, schmeckt wie eine echte Panne. Anne hatte einen grau-braunen Haufen matschiger Fetzen gezaubert, den sie Buchweizenspätzle schimpfte. Zum Nachtisch gab es Kekse ohne Zucker, ohne Butter, ohne Gluten und natürlich auch ohne Geschmack. Damit war dieser Teil des Abends zumindest abgehakt.

Gönnhardt bat um Hilfe. Er erzählte von den Gemeinheiten der Wölfe und der akuten Todesangst. So einfach wie ausgemalt, sollte es nicht werden. Die Tierschützer wollten nicht in den Konflikt eingreifen. Das wäre gegen den Willen der Natur, wurde schwadroniert. Gönnhardt erwähnte den Terror, Mathilde konterte mit dem Grundrecht auf freie Entfaltung. Gönnhardt gab trotz der Rückschläge nicht auf. Während seines Wehklagens versuchten die Menschen Zuversicht auszustrahlen. Man kam auf keinen gemeinsamen Nenner. Thilos langes, gedehntes, gestrecktes Puuuh markierte den Anfang vom Ende. Es sollten lediglich ausgeschmückte Floskeln folgen.

Mathilde: Wir könnten schon etwas organisieren. In der Zentrale haben wir eigentlich genug Platz, da könnten wir was richtig Großes planen.

Claudette hatte einen Einfall: Wir könnten bei euch einziehen.

Die Antwort auf diesen Vorschlag war betretenes Schweigen. Dazu gab es für die nächsten Sekunden ausweichende Blicke, der Boden muss spannend gewesen sein.

Anne schließlich: Das geht nicht wegen dem Brandschutz.

Auch die folgenden Punkte von Gönnhardt trafen auf wenig Gegenliebe. Keine Wohngemeinschaft, nicht in die Jugendherberge, sogar ein Zelt im Garten blieb verwehrt. Bereits nach kurzer Zeit war das Gespräch derart verfahren, es schien, als wäre alles gesagt.

Tick. Tick. Tick.

Thilos Uhr tickte erbarmungslos. Sekunden muteten an wie Minuten.

Bertram lachte. Schorschi wurde angesteckt, wusste allerdings nicht weshalb. Florentine verdrehte die Augen. Reinholdt ebenfalls, als er ihrem Blick folgte.

Gönnhardt wusste, dass er konkret werden musste: Wir brauchen wirklich eure Hilfe. Doch die Tierschützer ließen sich nicht festnageln. Wirkliche Lösungen wollten sie nicht versprechen. Sätze, deren Daseinsberechtigungen durch sollten/müssten/könnten ausgelöscht wurden, raubten den Füchsen den letzten Nerv. Enttäuschung breitete sich aus. Und dann noch die wohlmeinenden, nölenden Stimmen dieser scheinheiligen Menschen.

Bertram flüsterte zu Gönnhardt: Das wird doch eh nichts.

Florentine hatte genug gehört. Florentine: Ich brauche meinen Schönheitsschlaf, ich gehe ins Bett.

Sie erhob sich und legte sich demonstrativ mit einem lauten Gähnen hin. Still daliegen und so zu tun, als wäre sie eingeschlafen, schien ihr sinnvoller, als dieser Diskussion beizuwohnen. Reinholdt ließ sich nicht lange bitten, auch er verabschiedete sich aus der Gesprächsrunde und rollte sich zusammen. Florentine konnte ohne ihn in ihrer unmittelbaren Nähe ja nicht einschlafen. Nein, auch nicht schein-schlafen.

Der nächste Fuchs, der die Flucht ergreifen wollte, war Bertram. Er hatte genug gehört, ihm drohte sonst der Kopf zu platzen. Nach einer Buchempfehlung von Anne klinkte er sich aus. Dass er sich nicht in seine heile Fernsehwelt flüchten konnte, war das I-Tüpfelchen. Wütend über Annes Unverschämtheit und die Nutzlosigkeit der anderen Menschen wollte er frische Luft schnappen. In diesem Keller Bereich müffelte es zu sehr nach Selbstverliebtheit. Er musste sich keine Ausrede aus den Fingern saugen, ihm wurde sowieso keine Aufmerksamkeit geschenkt, als er sich in den hinteren Teil des Kellers zurückzog. Während Bertram die Treppe nach oben ging, zog Mathilde obendrein alle Blicke auf sich. Mathilde lautstark, als sie einen Nachschlag der nun erkalteten Buchweizenspätzle in ihren Mund stopfte: MMM-HMMM! Sooo lecker, da schmeckt man alle Zutaten. So richtig natürlich.

Die verbliebenen Füchse waren spätestens ab diesem Zeitpunkt aus der Gesprächsrunde ausgeschlossen. Die Gäste waren mit sich selbst beschäftigt. Sie aßen und tranken, genossen die Diskussion in der ungewöhnlichen Umgebung. Für Gönnhardt war klar: Diese Menschen waren so nervig wie singende Zeichentrickfiguren. Anne, Mathilde und Thilo erreichten heute ein Lisa-Simpson-Level der Penetranz.

Immerhin: Das Geschwätz sorgte für einen gewaltigen Geräuschpegel. So hörten die Füchse das Trampeln, das während der Versammlung veranstaltet wurde, nicht.

Den Wölfen passte es gar nicht in den Kram, dass die Füchse Besuch hatten. Eifersüchtig waren sie nicht, aber dass die Menschen so lange im Keller verweilten, verärgerte. Dass weder Stampfen noch Rufen eine Reaktion hervorlockte, machte sauer.

Irgendwann gaben sie ihre Lärmbelästigung auf und zogen sich in ein abgelegenes Eckchen zurück.

Gorra: Wir sollten in Keller und alle überfallen!

Sie hatte im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt. Als diese Menschen so mir nichts, dir nichts vor ihr standen, übernahmen ihre irren Instinkte. Ohne zu zögern griff Gorra die tätschelnde Mathilde an. Das leichte Opfer leistete schweren Widerstand. So konnte Gorra der weichlichen Menschenfrau nur eine kleine Wunde zufügen. Bevor sie ihren Kiefer ein zweites mal senken konnte, wurde Gorra von dem Menschenmann weggeschubst. Dann die Krönung: Die anderen Wölfe griffen nicht an. Das war Verrat aus den eigenen Reihen! Gorra dachte eigentlich, dass die Wölfe mit diesen Eindringlingen kurzen Prozess machen würden. Doch ihre Kumpanen wurden nicht zu Komplizen, sondern zu Kameradenschweinen.

Es sollte sich ein längerer Streit entwickeln, in dem Zmirka und die Männer Gorra immer wieder davon abhielten, nach unten zu stürmen. Immer wieder entwickelten sich Keilereien. Zmirka wollte nur die Füchse loswerden, Gorra war dagegen scharf auf Menschenfleisch. Es dauerte lange, bis Gorra einsah, dass sie gegen vier Wölfe, sechs Füchse und drei Menschen nicht ankommen würde. Trotz Resignation war sie voll aufgestauter Wut.

Sie hielt es nicht mehr aus, tobend und tosend verließ sie das Schloss am späten Abend. Natürlich blökte sie ihre Mitbewohner zum Abschied an. Gorra schnaubte: Gorra die Garstige wird Menschen vernichten!

Im Keller bat Gönnhardt in diesen Minuten noch ein allerletztes mal um Unterstützung. Die Bitte wurde mit viel zu vielen Worten abgelehnt.

Thilo: Wir können ja keine Wölfe benachteiligen, wenn das für schreckliche Bilder sorgt. Jede Kreatur hat gleiche Rechte, egal ob gut oder böse. Dafür stehen wir als Tierschutzcrew Karlsruh’, ber wir haben trotzdem noch sehr gute Nachrichten für euch.

Gönnhardt sah erwartungsvoll zu, wie Thilo in seinem Jutebeutel kramte. So viel vorneweg: Es sollte kein Fernseher werden.

Thilo verkündete in feierlichem Ton: Vor dem Essen haben wir im Einkaufscenter Geld für euch gesammelt. Ich hab die auch Kohle dabei. Voll gut, oder?

Stolz überreichte Thilo eine Sparbüchse, indem er sie Gönnhardt vor die Nase stellte.

Gönnhardt nickte. Erst zögerlich, dann stärker. So war der Abend kein kompletter Reinfall. Er grinste, schließlich hatte er damit eine Sorge weniger.

Gönnhardt: Vielen Dank für das Geld. Und mit der Kohle können wir im Winter heizen.

Thilo schüttelte die Dose. Es erklang ein trauriges, metallisches Rasseln. Thilo fixierte Mathilde, die beiden hatten sich abgesprochen und die Aufgaben verteilt.

Mathilde: Du Gönnhardt …

Mathilde legte ihren patentierten Hundeblick auf, für den sie wie durch ein Wunder noch nie geohrfeigt wurde. Mit gesenktem Kopf, ausgestreckten Entenlippen und zusammengekniffenen Augen schwafelte sie: Es ist leider nicht sooo viel geworden. Es lohnt sich eigentlich nicht, wenn ihr das Geld jetzt nehmt. Wir dachten, dass wir es einsetzen sollten, weil wir damit viel mehr bewirken können. Mit unseren Aktionen und so.

Wie gewonnen, so zerronnen: Gönnhardt kam sich veralbert vor, als Thilo die Spardose wieder einpackte.

Immerhin hatten die Menschen den Anstand, sich nach dieser Enttäuschung sang- und klanglos zu verabschieden. Es war trotzdem spät nachts, als die Tierschützer endlich das Schloss verließen.

***

Dieses Kapitel ist ein Teil des Buches Gönnhardt: Füchse, Kriege, Flüchtlingskrise. Ich hoffe, dass dir die Kostprobe gefallen hat. Ich denke allerdings, dass es mehr Spaß macht, wenn man das Buch als Komplettpaket liest. Was dich trennt? Die Bestellung. Keine Sorge: Falls du das Buch kaufen möchtest, musst du nicht viel Geld ausgeben.

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