Gönnhardt: Kapitel 17

Meine Einstellung.

Tim war mittlerweile wieder zu den Großeltern verfrachtet worden. Das wäre er übrigens auch ohne Gönnhardts Vorliebe für offene Fenster in der Nacht. Anne plante schon seit Monaten, zum Jahreswechsel die Korken knallen zu lassen.

Sie wuselte durch die Bude. Wenn ihre Mitstreiter aus der Tierschutzgruppe angekündigt waren, wechselte sie Teile ihrer Einrichtung aus. Poster, Schlüsselanhänger, Figuren, Flaggen: Sie hatte eine ganze Schublade mit politisch-korrekter Dekoration. Anne wollte sich keine Sprüche mehr anhören müssen. Die, die sie bei der ersten Versammlung in ihrer Wohnung einstecken musste, reichten für ein ganzes Leben. Kleinbürgerliches Klein-Klein mit Dorfbürgermeisterbüro-Ambiente hatte gesessen. Zum Glück war mittlerweile ein Hauptquartier eingerichtet worden, so musste sie nur ab und an umgestalten. Beispielsweise wenn Anlässe wie Silvesterfeiern anstanden. Pech hat, wer beim Würfeln verliert. Deshalb hieß es für Anne im Augenblick: Familienfotos runter, Plakate rauf. Je nach dem, in welchem Lager man sich befand, stand auf den Plakaten Propaganda und Hetze oder Aufklärung und Aktionismus. Das gehört bekanntlich dazu. , wenn man seine Meinung für die einzig wahre hält.

Gönnhardt war nicht ganz so aufgeregt wie Anne. Leute in der Bude, das war für ihn nichts Besonderes, er hatte ja schon viel zu viel Besuch bekommen. Er wusste, mit Gästen umzugehen. Dachte er zumindest.

So stand abends die erste Begegnung zwischen dem restlichen Aktionskreis Tierschutzcrew Karlsruh’ und Gönnhardt an. Klar, die wollten ihn auch schon vorher sehen. Sie drängten Anne schon seit dem Einzug und löcherten sie permanent mit Fragen, doch Frau Majeski war standhaft geblieben. Anne wollte Gönnhardt nicht überfordern. Sie sagte sich immer wieder, dass es vielleicht etwas verstörend gewesen wäre, wenn ihre Freunde die ersten Menschen sind, mit denen Gönnhardt Kontakt hat. Denn die Crew ist … unkonventionell. Anne bekam also ein ungutes Gefühl, als sie einen letzten Kontrollgang durch ihre Alibiwohnung machte. Mist: Sie entdeckte eine ganze Ladung Lebensmittel, die im Discounter, nicht im biologisch-reformierten Haus gekauft wurden.

Ding Dong.

Jetzt war es zu spät.

Millisekunden nachdem Anne den Türsummer betätigt hatte, war Radau im Treppenhaus. Die Crewmitglieder erstürmten die Stockwerke wie Donkey Kong und hüpften über Stufen wie Super Mario über Erdlöcher. Gönnhardt stand brav im Flur, wartete artig auf die Menschen, die ihrerseits die besten Absichten hatten. Anne hat ihn zwar vorbereitet, aber nicht auf das. Es war zum Scheitern verurteilt, die Begrüßung hätte nicht unangenehmer ausfallen können.

Sayenne, ein in die Jahre gekommenes Mädchen mit aufgeweckten Augen und verfilzten Rastalocken: Ah, da ist er ja. Ah, fein! Und dabei tätschelte sie dem Fuchs den Kopf.

Thilo war sehr großgewachsen, aber zurückhaltender. Er zog die gehäkelte Baskenmütze ab, nahm die Schultertasche von dem Ort, dem sie ihren Namen verdankt, und zog erstmal seine Cordhose hoch. Gürtel waren schließlich nur etwas für Beamte. Er schien Respekt vor der animalischen Autorität von Gönnhardt zu haben. Leider drückte er sich ebenfalls unglücklich aus.

Thilo, mit Chipstüten als Schutzschild erhoben: Boah, voll das wilde Monster. Der sieht echt übel aus. Aber prächtiges Fell, da kann man nichts sagen. Gibst ihm gestimmt kaltgepresstes Olivenöl, was Anne?!

Anne in Gedanken: Nee, nur Pizzafett.

Mathilde, die man schlicht mit schön beschreiben konnte, schwieg. Gönnhardt gefiel ihr Vokuhila mit den abrasierten Seiten. Sie hatte etwas von einem Huhn, dachte er. Mathilde schwieg nur kurz. Dann hob sie ihre rechte Hand. Mathilde gackerte mit gezückter Sektflasche und so schriller Stimme, dass Gönnhardt vor Schreck aufsprang: Das müssen wir feiern! Sie ließ den ersten Korken des Tages ohne weitere Worte knallen. Gönnhardt fuhr zusammen. Kräftig geschüttelt durch den stürmischen Aufstieg wollte der Sekt aus der Flasche flüchten wie ein Flaschengeist nach jahrelanger Haft. Erwartungsgemäß schoss die Blubberbrause in die Höhe, sobald sie die Chance dazu bekam. Es war eine schöne Fontäne, das muss man objektiv festhalten. Nachdem die Schwerkraft ihre Ansprüche über die Lufthoheit erhoben hatte, landete der stinkende Sekt auf dem prächtigen Fell von Gönnhardt.

Als Sahnehäubchen musste er sich von Mathilde mit deren benutztem Papiertaschentuch abtupfen lassen, bis Anne endlich mit einem Handtuch an kam.

Die Runde machte es sich im Wohnzimmer bequem. Der Fuchs teilte seine Couch mit Thilo und Sayenne. Mathilde wählte den Schneidersitz. Anne wuselte nervös. Wie erwartet, musste er jetzt Frage und Antwort stehen. Gönnhardt sollte seine Ansichten zu Wahlrecht für Tiere, Unterdrückung durch Tierfuttermarken und der Luftverpestung durch Fußballspiele erläutern.

Wäre es nicht so kalt in der Wohnung gewesen, Gönnhardt wäre ins Schwitzen geraten. Doch das Schicksal meinte es gut mit dem Fuchs, der nach Alkohol stank wie die Dorfjugend in der Großraumdisco sonntags um 2 Uhr 11. Anne hatte glücklicherweise Raclette geplant. Bevor sich Gönnhardt für eine Partei entscheiden musste, sollte die gesamte Crew mithelfen, in der Küche die Zutaten zu schnippeln.

Dort angekommen schaute Sayenne demonstrativ auf das Regal mit den übersehenen Discounter-Konserven: Bist du dir sicher, dass das Gemüse auch nachhaltig angebaut wurde?

Anne überlegte, ob sie wirklich alle Plastikverpackungen und Kassenzettel der Lebensmittel auf dem Tisch entsorgt hatte. Nach der Denkpause behauptete sie überzeugend: Was denn sonst?

Mathilde: Gönnhardt, du darfst auf meinem Schoß sitzen!

Jetzt oder nie! Zeit sich aus der Gruppe zu lösen! Gönnhardt erklärte, dass er lieber allein im Wohnzimmer feiern würde. Er flunkerte: Das ist … so Tradition bei den Füchsen. Es ist eine fußballfreie Zeit, in der meditiert und Tierfutter boykottiert wird.

Anne kannte ihren Fuchs, er zeigte alle Symptome seiner Lass-mich-jetzt-besser-in-Ruhe-eritis. Sie entließ Gönnhardt, scheuchte die Bande an den Tisch, drehte die Lautstärke des Fernsehers auf. Dann brachte sie Gönnhardt in unregelmäßigen Abständen Raclettekäse und schloss die Küchentür, wann immer dies möglich war.

So machte sich der Abend an, zu vergehen. In der Küche floss reichlich Alkohol. Im Wohnzimmer lief der Fernseher. Immer wenn ein Crewmitglied auf dem Weg in die heilige Porzellanstätte im Wohnzimmer vorbeischaute, was natürlich ausnahmslos jedes mal war, legte Gönnhardt seinen Kopf auf die Vorderpfoten, schloss die Augen und streckte seinen Hintern in den Himmel. Er wusste nicht, wie Füchse meditieren, aber diese Stellung kam ihm bei seiner Vogel-Strauß-Taktik passend vor.

Gönnhardt hatte sich an das Gemurmel aus der Küche gewöhnt, als er durch den Lärm der ersten Böller zusammenzuckte. Neugierig, wie er war, schlich er sich auf den Balkon.

Krach!

Bumm!

Peng!

Das Feuerwerk, das im Fernsehen so prächtig wirkte, war live und in verrauchter Farbe enttäuschend und abstoßend. Die Leute in der Karlsruher Weststadt verbreiteten nur Knall und Gestank.

Am Küchentisch waren die ersten Leuchtraketen der Startschuss, Hochprozentiges zu kippen. Der Tierschutzcrew fiel zu diesem Zeitpunkt auch die Weisheit vom wärmenden Alkohol ein. Wärme war bitter nötig. Die Menschen trauten sich nicht, die Heizung anzumachen. Das wäre trotz geschlossener Tür Tierquälerei, da waren sich alle einig. So saßen sie mit Schals, Handschuhen und Mützen da und diskutierten über Themen, die sonst niemanden interessieren würden. Gönnhardt bekam von dem Klirren, als Sayenne ein Glas durch die behandschuhten Hände auf den Küchenboden glitt, nichts mit. Allerdings von Mathildes schrillem Lachen.

Es war 5 vor 12. Aufgeregt stürmte die Meute ins Wohnzimmer und vom Wohnzimmer auf den Balkon. Ihr strikter Feuerwerk-Boykott wurde spontan etwas aufgeweicht. Sie unterstützten Herstellung und Verkauf von Böllern und Leuchtraketen weiterhin nicht, aber wenn das Zeug sowieso schon abgebrannt wurde, konnte man es sich ja anschauen. Zu Informationszwecken versteht sich.

Als die Gläser klimperten, es sich mit Fair-Trade-Prosecco zugeprostet und ein frohes, neues Jahr gewünscht wurde, war Gönnhardt schon längst unter der Couch verschwunden.

***

Dieses Kapitel ist ein Teil des Buches Gönnhardt: Füchse, Kriege, Flüchtlingskrise. Ich hoffe, dass dir die Kostprobe gefallen hat. Ich denke allerdings, dass es mehr Spaß macht, wenn man das Buch als Komplettpaket liest. Was dich trennt? Die Bestellung. Keine Sorge: Falls du das Buch kaufen möchtest, musst du nicht viel Geld ausgeben.

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