3. Oktober, 19 Uhr 08

Gestern habe ich die Polizeimeldungen der vergangenen Woche durchforstet. Von Alex’ Retter habe ich nichts gefunden, also brauch ich mir da keine Gedanken mehr zu machen. Der hatte also offiziell einen Unfall oder irgendeinen natürlichen Tod. Ich habe damit nichts zu tun, ich brauch somit kein schlechtes Gewissen haben. Der Typ ist einfach im Kreuzfeuer gestorben. Pech für ihn. Oder sie…

Spannend wurde es trotzdem. Nämlich als ich die Zeit weiter zurückdrehte. Es war eine Meldung zu finden, dass unser Freund und Helfer Zeugen für einen gewissen Vorfall an einem gewissen Tag vor meiner Reise nach Bremen sucht. Eine Zeugenbeschreibung liegt nicht vor. Sehr schön. Wenn wir davon ausgehen, dass die Meldung keine Finte ist, um den Täter leichtsinnig zu machen, tappen die Damen und Herren der Polizei im Dunkeln wie bei einem nächtlichen Stromausfall. Sogar die Zeitungen haben den Vorfall besprochen. Im Karlsruher Morgen stand, dass der Idiot nicht an den Folgen von dem Raubüberfall gestorben ist. Ich liebe das digitale Zeitalter. Da ist selbst der dümmste Depp bestens informiert. Die Polizei sucht nach einem Räuber, nicht nach einem Mörder. Die Anstrengungen dürften sich somit in Grenzen halten.

Es war im Nachhinein wirklich leicht, den Typen abzuziehen. Das hätte ich bei meinen früheren Geldsorgen auch so machen sollen. Einfach eine über die Rübe ziehen, Kohle einsacken und gemütlich heimgehen. Da muss man sich wirklich fragen, wieso nicht mehr Leute kriminell werden. Wobei es in meinem Fall ja kaum ein Gesetzesbruch war, sondern eher ein Dienst für die Gesellschaft. Ich habe den Typen sogar ganz aus dem Weg geräumt und damit seiner Laufbahn als Verbrecher ein Ende gesetzt wie die Ziellinie.

Meine Barschaft nimmt immer weiter ab. Deswegen habe ich Kassensturz gemacht. Ich habe meine restliche Beute neben mir liegen. Der Stapel Bargeld ist verschwindend klein geworden, knapp Hundert Euro sind übrig. Das ging schneller als erwartet.

Ich werde mich mal mit der Ware beschäftigen. Es ist Marihuana in verkaufsfertigen Tüten. Laut Annas Küchenwaage (nur geliehen. So tief gesunken, dass ich sie beklaue, bin ich noch nicht) sind es Päckchen von 1 bis 3 Gramm. Laut Internet hat meine Menge einen Wert von etwa 500 Euro. Dazu kommen noch ein paar Tüten mit weissem Pulver, von dem ich beim besten Willen keine Ahnung habe, was es sein soll. Das Internet weiß wohl doch nicht alles. Es könnte Koks, Amphetamin oder sonst was sein.

Sicherheitshalber habe ich danach nach Breaking Bad, Scarface und The Wire gesucht. Ich glaube nämlich nicht, dass ein privates Fenster meine Spuren ernsthaft verwischt. So habe ich für irgendwelche Schnüffler gleich eine Erklärung parat. Ich bin ein Lieber! Ich hab gerade die Serie geschaut und war neugierig .Keine Macht den Drogen.

Was soll ich mit dem Stoff machen? Zum Wegwerfen ist er zu wertvoll. Doch mit Drogen in der Wohnung schlafe ich unwohl wie die Prinzessin auf der Erbse. Ich würde gerne alles sofort und auf einen Schlag loswerden. Ich mag zwar 30 Jahre ohne Hausdurchsuchung gelebt haben, aber meine Spüle zum Drogen-Lagerraum zu machen, ist nicht wirklich schlau.

Ein Päckchen schnüren, ohne Absender verschicken. Das wäre es. Aber dafür brauch ich einen zahlungswilligen Empfänger. So einen hab ich leider nicht in meinem Adressbuch. Echt schade: Für das Darknet bin ich technisch nicht versiert genug. Bleibt nur ein lokaler Verkauf.

Stellt sich nur die Frage an wen. In Bremen hätte ich Abnehmer gekannt. Immo beispielsweise. Die Sachen hier zu verticken, ist heikel. Das Risiko: Mein Angebot spricht sich bis zu den falschen Ohren herum. Und damit meine ich keine Polizisten. Auf die Nachfrage von den Kollegen vom Opfer hätte ich keine guten Antworten.

Ich glaube, ich schau mir die Unterwelt heute mal genauer an. Dort bekomme ich womöglich nicht nur ein besseres Bild von der Konkurrenz, sondern auch eine gute Idee oder sogar Kontakte.