28. September, 19 Uhr 20

Ich war gerade bei meiner ehemals großen Liebe. Ein Überraschungsbesuch, der überhaupt nicht gut ankam. Da war ich mal spontan, auch das passt Alex nicht.

Vom Bahnhof aus habe ich nur zwanzig Minuten bis zur Wohnung gebraucht. Ein Vorteil, dass ich den Weg schon tausendfach zurücklegt habe. Dort war die Bude am brennen. Eine aufgelöste Frau, dürfte die Mutter von Lars gewesen sein, hat die Tür geöffnet. Meine alte Bleibe sieht noch genauso aus wie vorher. Komisches Gefühl, in der vertrauten Wohnung, in der ich jahrelang gewohnt habe, ein Fremder zu sein. Ein Fremder, der weder eingeladen wurde noch dort sein sollte.

Mit entsprechend großen Augen haben mich die Darsteller von diesem Trauerspiel auch angeschaut. Alex’ Mutter Hilda, Alex’ Schwester Giftspritze, Unbekannt, Unbekannt, Nadine und natürlich die dunkle Königin höchstpersönlich. Die hat mich nicht mal gefragt, warum ich überhaupt hier bin. Also musste ich es sicherheitshalber ihrer Mutter aufschwatzen. Ich stotterte irgendwas in Richtung ihrer Ohren – es war das erste mal, dass ich sie ohne übergroße Statement-Ohrringe sah. Seltsam, an was man denkt, wenn man lügen muss. Bin hier, weil Telefonat, weil Alex nicht gut klang, weil Sorgen gemacht, weil ungutes Gefühl.

Hilda: „Ach Anders, du warst doch schon immer so sensibel.“

Dann schenkte mir Hilda Martens reinen Wein ein wie der Priester. Alex hat sie morgens angerufen, weil mit Lars etwas nicht stimmte. Alex wusste nicht, was zu tun war. Sie stand unter Schock, aber Hilda wusste, was zu tun war. Sie rief (sogar dazu war Alex zu faul!) einen Rettungswagen. Hat dann ihren Ehemann angerufen, der gerade auf einem Fußballspiel vom Enkel war. Ehemann fuhr Ehefrau zur Wohnung. Meine ehemalige Schwiegermutter hat die Leiche nicht mehr gesehen, sie wurde schon vorher abtransportiert. Dann wurde eine kleine Telefonrunde gestartet… und dann stand ich in der Wohnung.

Wie ich schon vermutete: kein Wort zum Abschiedsbrief. Den hat sie garantiert entsorgt. Sie ist ja auch wirklich nicht gut bei weggekommen.

Praktischerweise war die Stimmung so mies, dass ich mich direkt wieder verabschieden konnte. In so einer Situation muss man lediglich behaupten, dass man den Leuten ihre Ruhe lassen will, schon wird ein gewollter Abgang zu einem Akt der Einfühlsamkeit.

Das war vielleicht ein Handschlagabtausch, bis ich sichergestellt hatte, Alex zuletzt berührt zu haben. Hilda brachte mich nämlich zur Tür. Aus dem Flur musste ich Alex nochmal zurückrufen, ihre Hand drücken und viel Kraft wünschen. Das war unangenehm hoch zehn, aber: Die gute Alex ist nun im Speicher.

Nun habe ich ein kleines Etappenziel erreicht, wobei die große Strecke erst vor mir liegt: die 500 km von Karlsruhe bis Bremen. Mein Dilemma: Ich muss es nach Hause schaffen, ohne jemanden zu berühren. Das wird ne knifflige Angelegenheit wie 5 gleiche Augenpaare zu erwischen. Doch mir bleibt nichts anderes übrig. Meine Barschaft ist erschöpft. Die Bankkarte habe ich aufgrund des vielen Bargeldes zuhause gelassen. Online konnte ich kein Hotel finden, bei dem ein Zimmer frei, bezahlbar und ohne Kreditkarte zu buchen war. Mich hier irgendwo von einer Brücke zu stürzen schien mir eine noch blödere Idee, als mich bei meinen Eltern einzunisten. Dort hätte ich außerdem den Tod von Lars nicht einfach verschweigen können. Ich versuche mein Glück. Vielleicht schaffe ich es bis nach Karlsruhe in meine Wohnung ohne Körperkontakte.

Das ist der Moment, in dem ich die Würfel geworfen habe, und einfach nur warten kann, welche Ziffern oben liegen werden.

Immerhin habe ich die erste Hürde erfolgreich genommen: Mit dem Busfahrer gab ein keinerlei Berührung. Ich sitze im absolut letzten Eck und werde mich keinen Millimeter bewegen. Ich bin guter Dinge, dass ich es ohne jegliche Berührungen schaffe. Anna habe ich eben noch gemailt, dass ich noch nicht sicher sagen, wann ich komme. Eben wegen dem Todesfall. Falls ich in Karlsruhe Anna oder jemanden, der sie kennt, auf dem Heimweg treffe, sage ich, dass es eine Überraschung werden sollte. Münchhausen. Sollte ich es unbemerkt wie ein Ninja hinter meine Wohnungstür schaffen, verschiebt sich meine Ankunft eben. Ich lege das Schicksal von Alex in die Hände vom Schicksal. Das ist fair, finde ich.