28. September, 11 Uhr 09

Ich riss die Augen auf. Fragte mich, wo zur Hölle ich gerade bin. Wach? Ja, aber es war noch niemand zuhause. Es war eine Wiederholung, jetzt hörte ich nochmal, was mich geweckt hat: drei dumpfe Schläge.

Das Geräusch hat mich nicht nur erschreckt, es hat einen Schutzinstinkt angesprochen, wie ihn schon Höhlenmenschen kannten mussten. Dieses Gefühl, das vom Kopf runter zu den Füßen zuckt. Statt einem lauten Brüllen vor der Höhle war es ein aggressives Klopfen. Statt von einem Sabelzähntiger gefressen zu werden, musste ich befürchten, dass mich die Leute hinter der Tür entdecken.

Ich war angekommen. Ich befand mich nicht zuhause, ich war im Hotel. Es erfolgte ein blitzschnelles Umschalten von Hää-wo-bin-ich zu Hoffentlich-werde-ich-jetzt-nicht-erwischt. Ich sprang auf, stellte mich hinter die Zimmertür, wollte mich bei der ersten Bewegung mit aller Kraft dagegen stemmen.

Stille. Dann hörte ich ein kriechendes Geräusch, bei dem sich meine Armhaare stellten, weil ich es nicht zuordnen konnte. Ich stand atemlos hinter der Tür, hörte Schritte, die sich entfernten.

Von wegen, einfach das Schild an die Tür hängen und ich kann ausschlafen…

Das Putzpersonal hat nicht nur mächtig Radau gemacht. Sie haben mir auch noch einen Zettel durch den Türschlitz geschoben. Darauf der Hinweis, dass ich das Nicht-Stören-Schild an der Tür hatte und sie nicht sauber machen konnten. Wenn das die Umwelt mitbekommt. So eine Papierverschwendung. Nun, mir sollte es recht sein. Immerhin wach.

Ausgeschlafen hatte ich nicht, mir brummte der Schädel. Bestandsaufnahme: Der selbstgeknotete Strick hing noch am Handtuchhalter im Bad. Das war ganz schön gefährlich. Nüchtern betrachtet, hätte ich ihn auch herunterreißen können. Alkohol stumpft eben ab. Schon makaber seine Todesursache vor dem Zähneputzen zu sehen. Ich betrachtete mich im Spiegel: Augenringe, blass. Mein Hals voller Würgemale, rote Striemen und Schürfungen. Nicht weiter verwunderlich, das war auch ein echter Kampf. Aber sei’s drum. Der Plan ging auf. Vermute ich jedenfalls.

Für das Frühstück ist es zu spät, aber ich habe ohnehin keinen Appetit. In meinem Magen herrscht ein nervöses Kribbeln. Ich wüsste gerne, ob alles so lief, wie ich es mir ausgemalt habe. In den paar Minuten, in denen ich bei Bewusstsein bin, habe ich bestimmt 11 mal geschaut, ob ich irgendwelche Nachrichten oder Anrufe habe.

Bisher kam noch keine Todesmeldung.

Ich würde jetzt gerne Mäuschen in meiner alten Wohnung spielen. Hätte ich meinen Schlüssel nicht demonstrativ auf den Küchentisch gelegt, als ich ausgezogen bin, würde ich wirklich mal vorbeischauen und mich am Leid ergötzen. Die verheulten Augen von Alex wären ein schöner Anblick. Überraschuuung! Guten Morgeeen, hab Brötchen mitgebracht!

Zurück in der Realität weiß ich, dass ich etwas essen muss. Die beiden letzten Schlitze Pizza sind ein trauriger Start in den Tag und nicht genug für die Kraft, die mir fehlt. Die Sonnenseite ist, dass mein Morgen immerhin nicht ganz so traurig ist wie Alex’. Man muss die Dinge einfach aus einer anderen Perspektive sehen, dann wird aus kalter Pizza ein Festmahl, das es zu genießen gilt.

Ich komme einfach nicht zur Ruhe, mein Leben ist Stress pur. Jetzt muss ich mich schon wieder ins Leben stürzen. Zum Glück ist um die Ecke ein Supermarkt, da kann ich mir ein improvisiertes Frühstück zusammenkaufen. Ein, zwei Becher Kaffee werde ich mir auch gönnen.

Ich brauche allerdings eine Verkleidung. Die Spuren am Hals sind ziemlich auffällig. Erstens will ich weder angeglotzt noch angesprochen werden, zweitens muss ich sicherheitshalber so aussehen wie immer. Einfach den Jackenkragen hochstellen, reicht nicht aus. Die Wunden reichen bis zum Kiefer hoch, das wäre zu viel Freizügigkeit für neugierige Blicke.

Es ist keiner meiner strahlenden Momente: Jetzt muss ich tatsächlich dieses knitterige, mitgenommene Damenhalstuch umlegen. Wie peinlich.