25. August, 15 Uhr 50

Der Trip hört einfach nicht auf. Da bin ich mit besten Vorsätzen in den Mittag gestartet. Hab fleißig getrunken, um meinen Flüssigkeitshaushalt wieder zu regulieren. Leitungswasser, ganz brav. War an der frischen Luft, und das nicht nur, um Bier zu kaufen. Ich habe sogar noch eine Runde durch den Stadtgarten gedreht. Naja, es war eine halbe Runde, da waren nämlich zu viele Familien unterwegs. Da redete ich mir bei dem Ausflug gut zu, dass ich einfach mal den freien Tag genießen soll. Kaufte noch mein Bier, wollte zuhause einfach nur runterkommen, nicht mehr rumspinnen. Und dann kam beim Einbiegen in meine Straße der Schock: Blaulicht.

Vor unseren Haus standen etliche Fahrzeuge: Polizei, Feuerwehr.

Krisenmodus. Ich wollte die Haustür reingehen, ein Polizist hielt mich auf. Er meinte, dass ich jetzt nicht durch könnte. Meine Antwort: Ich winkte mit meinem Schlüssel. Nuschelte, dass ich hier wohne. Er musterte mich. Ich seh wohl ziemlich heruntergekommen aus und könnte auch eine üble Fahne gehabt haben. Ich habe mich gefragt, was ich machen sollte, wenn er mich nicht reinlässt.

Ich wurde nervös. Meine Hände fingen an zu schwitzen. Mein Gesicht wurde heiß. Ich spürte wie es rot anlief. Er fragte nach meinem Namen. Mit brüchiger Stimme: „Anders Benson.“ Er verglich ihn mit denen auf den Klingeln. Zum Glück, habe ich mein Namensschild doch angebracht. Ich hatte nämlich überlegt, ob ich hier nicht vollkommen anonym wohnen sollte.

Tief durchatmen. Abschätzig ließ er mich schließlich durch.

Jetzt wusste ich, warum er so penetrant war. Er durfte wohl weder Gaffer noch Presse reinlassen, denn im Haus war Trubel. Im Erdgeschoss klopften zwei Beamte wie wild an einer Wohnungstür. Es sollte geöffnet werden, sie hätten Fragen.

Ich dachte nur noch an den Zustand meiner Wohnung. Nicht nur die ganzen leeren Bierflaschen. Die Badewanne! Eine Badewanne voller Blutflecken kommt gar nicht gut, wenn die Polizei reinschneit und Fragen hat. Die Rasierklinge könnte ich vielleicht erklären, aber Schweigen ist auch diesbezüglich Gold. Ich wurde innerlich panisch, musste äußerlich ruhig bleiben. Dachte: Wenn vor denen abdrehe, nehmen sie mich gleich mit auf die Wache. Dann treten sie mir die Bude ein, mit oder ohne Durchsuchungsbefehl. Ich wusste nicht wieso, aber ich fühlte mich schuldig und wollte auf jeden Fall vermeiden, erwischt zu werden.

Also war Flucht nach vorne angesagt. Erstmal vorbei an den Polizisten unten. Die drehten sich um, schauten sich genau an, wer da vorbeiging. Sobald ich aus deren Blickfeld war, sprang ich über die Stufen wie ein Dressurpferd über seine Hindernisse.

Es musste alles schnell gehen. Ich blendete komplett aus, dass das Trampeln verdächtig wirken könnte. Das fiel mir erst oben ein.

Ich versuchte das Schlüsselloch mit meinem Schlüssel zu treffen. Gar nicht so einfach, wenn dich der kalte Schauer überkommt. Ich zitterte. Es waren die längsten 10 Sekunden meines Lebens. Zitternd das Loch getroffen. Hoffentlich waren es nur 10 Sekunden, hoffentlich habe ich keine Zeit verschwendet. Mit mulmigem Gefühl bekam ich endlich die Tür aufgeschlossen. Ich war mir nicht mehr sicher, was genau mich erwarten würde. Hoffentlich sieht das Bad nicht ganz so schlimm aus, wie ich befürchte.

Kurz überschlagen: Wie viele könnten gerade Leute zuhause sein? Sonntags müssten es viele sein. Wie viel Zeit habe ich wohl?

In rannte ins Badezimmer. So schlimm, wie befürchtet: Die Badewanne war blutverschmiert, der Boden auch. Ich war in Eile wie Taz, der tasmanische Teufel. Wild suchte ich nach Reinigungsmitteln. Im Schrank unter dem Waschbecken war nichts, Fehlanzeige. Ich rannte in die Küche, wühlte mich durch den Schrank unter der Spüle. Nur Waschmittel, besser als nichts. Beeilung! Dazu griff ich mir noch das Spülmittel neben dem Wasserhahn.

Ich streute Waschmittel in die Badewanne, quetsche Spülmittel darauf, ließ Wasser tröpfeln. Dann find ich an mit meinem Handtuch zu schrubben. Sofort färbte es sich schmierig-rot. Das würde länger dauern als gehofft.

Dann rastete der Mann in meinem Kopf aus: Wie viel Zeit ist schon vergangen? Wann kommt die Polizei? Durchsuchen sie meine Wohnung? Wieso hab ich Trottel die Sauerei nicht heute morgen geputzt? Wieso hab ich kein Chlor oder so was?

Ich kam ins Schwitzen. Zu dem kalten Angstschweiß auf meinem Rücken und der Brust gesellte sich das Kühlungssystem auf meiner Stirn für die Anstrengung. Die Striemen wurden langsam heller. Immer verdünnteres Blut sickerte in den Abfluss, langsam war der Rotstich nur noch erahnen, hoffte ich. Ich konnte nicht einschätzen, ob es reicht. Mit etwas Abstand betrachtet war die Badewanne immer noch rosa. Ich kippte eine weitere Ladung Waschpulver in die Badewanne.

Ich fuhr zusammen.

Es klingelte.

Jetzt war es so weit. Das blutrote Handtuch und mein nasses, mittlerweile rosarotes, T-Shirt stopfte ich in die Waschmaschine. Ich zog mir das erste Teil über, das in die Finger fiel. Beeilen! Eine Stimme ermahnte mich: Lass die Polizei bloß nicht warten, das ist auffällig. Dann denken sie, du hast was zu verbergen.

Zwei Beamte. Sie sahen so aus, wie man aussehen muss, wenn man sonntags arbeitet und fremde Leute rausklingelt. Die Gesichter wirkten genervt. Der Ton war schroff. Der große Polizist: „Polizei, Tag. Sie sind Herr Benson, richtig? Dürfen wir reinkommen, wir haben da ein paar Fragen bezüglich ihrer Nachbarin.“

Überraschenderweise beantwortete mir der große Beamte meine Frage, um was es denn ging. Das kannte ich aus Filmen anders.

Er: „Die junge Frau in der Wohnung über ihnen ist am frühen Samstagmorgen umgekommen. Sie wurde leblos in ihrer Badewanne gefunden. Sie kennen Frau Maier, richtig?”

Ich riss die Augen auf, meine Stimme überschlug sich: „In meiner Badewanne?“

Der große Polizist sah mich verwirrt an. Die Miene vom kleinen Polizist verriet Misstrauen. Der Große mit Falten in der Stirn: „Nein, in der Badewanne von Frau Maier.“ Nachdem er den Satz beendet hatte, griff er in die schwarze Tasche, die der kleine Polizist in Hand hielt. Ich wich einen Schritt zurück, erwartete Handschellen.

Er zog ein Foto heraus, zeigte es mir.

Es war ein typisches Bild. Eines, das man sich als Erinnerung an einen schönen Moment in den Flur hängt. Ich vermute, dort haben es die Polizisten auch her. Ich musste schlucken, weil ich die Frau erkannte. Es war ein sympathisches Motiv: junge Frau mit Hund. Sie lacht, er streckt die Zunge raus. Es muss schon ein paar Jahre alt sein. Sie trägt die Haare auf dem Schnappschuss kürzer, sieht vielleicht nur deshalb jünger aus.

Ich nickte. Sagte, dass ich sie flüchtig aus dem Haus kenne, aber keinen näheren Kontakt mit ihr habe. Dann ging das Verhör weiter, ich beantwortete die Fragen. Dass ich in der letzten Nacht nichts gehört habe. Wann und mit wem ich sie zuletzt gesehen habe.

Ich war ich Schockstarre, bewegte mich nicht mal mehr beim Atmen. Ich antwortete wie ein Roboter, während ich im Geiste Puzzleteile zusammenfügte.

Ob ich Streitereien gehört habe? Ob sie öfters Herrenbesuch hatte, mir ein Mann namens Alex bekannt war? Ich schluckte, weil der Name schlechte Erinnerungen weckte.

Mir wurde kalt. Ich rieb meine Arme, versuchte sie zu wärmen. Die Narbe schmerzte. Als hätte mich eine eiskalter Brise erfasst, bekam ich Gänsehaut an den Armen. Plötzlich war ich wieder voll im Hier und Jetzt. Meine verdammte, verdächtige Wohnung!

Wir standen da im Flur, die Tür zum Badezimmer war nur angelehnt. Ich überlegte, welcher Winkel am geschicktesten wäre, um den Einblick ins Badezimmer zu versperren.

Der große Polizist stellte nun keine Fragen mehr. Ich betete, dass sie mich nicht aufforderten, sie die Wohnung inspizieren zu lassen. Ich hatte außerdem Angst, dass die Badezimmertür offen stand, dass ein Windstoß oder ein schiefer Türrahmen sie geöffnet haben, dass sie dort etwas sahen, das sie neugierig machte. Ich wagte es nicht, hinzuschauen, um mich zu vergewissern. Das würde nur Aufmerksamkeit auf das Bad lenken. Bitte sei zu!

Der kleine Beamte sagte zwar immer noch nichts, doch er zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Das Gefühl, beobachtet zu werden, überkam mich. Er musterte mich nicht mehr, er starrte auf meinen Arm. Mir wurde unbehaglich, weil ich merkte, dass er meine Narbe betrachtete. Er zog die Augenbrauen zusammen. Wieso habe ich Idiot ein T-Shirt angezogen? Ein Kapuzenpulli, du Idiot, ein Kapuzenpulli! Schützend drehte ich meinen Arm und zog ihn an meinen Körper, presste die Narbe an meinen dicklichen Bauch. So wie es Schwangere mit ihren Babybäuchen tun. Jetzt gab es dort nichts mehr zu sehen, also taxierten seine Augen meine Wohnung. Er schien jedes Detail einzusaugen. Bitte, bitte lass ihn nicht ins Bad schauen.

Der kleine Beamte, schaute den großen an. Der große drehte sich zu ihm. Sie nickten sich zu. Es war die knappe, eingespielte Kommunikation zweier Menschen, die sich nichts sagen müssen, um sich zu verstehen.

Ich wusste, dass jetzt alles vorbei war. Sollte ich wegrennen? Aber wohin? Also hatte mich mein mulmiges Gefühl nicht getäuscht. Ich war nicht bereit, aber wollte es mit Anstand über mich ergehen lassen.

Der große Beamte steckte seine Hand in die Jackentasche. Ich werde jetzt sicher festgenommen. Ich an der Reihe zu gaffen: jede Bewegung von seinem Arm. Ich stellte mir vor, wie die Hand, die schon eine Ewigkeit in der Tasche verharrte, Handschellen einsatzfähig macht. Gleich würde ich ein Klick hören.

Ich verstand nicht.

Er reichte mir eine Visitenkarte. Wenn mir etwas einfällt, sollte ich mich melden. Der kleine Polizist schaute mich nicht mehr an, er drehte sich kommentarlos um und ging. Der Knoten in meinem Bauch löste sich, als sich der große Beamte verabschiedete und ebenfalls die Wohnung verließ. Ich folgte ihm in den Flur, wollte sicher gehen, dass sie mit mir fertig waren.

Ein anderer Polizist kam die Treppe herunter, als der große Polizist bereits an der nächsten Tür hämmerte. Die beiden Alten hatten noch ein paar Hausbesuche vor sich. Ich war ab sofort unsichtbar, abgehakt wie eine richtige Antwort. Der Neuling gab dem kleinen Beamten eine durchsichtige Tüte, darin ein Papierfetzen, sagte: „Abschiedsbrief. Unter die Badewanne gerutscht.“

Ich zuckte zusammen. Der Knoten in meinem Magen zog sich abermals zusammen, diesmal fester. Mir wurde kurz schwarz vor Augen.

Es war ein abgerissenes Stück von einem normalen Schreibblock, blutverschmiert. Ich konnte erkennen, was auf dem Zettel stand.

Ich gebe auf. Du hast mich benutzt und ausgenutzt, warst meiner Liebe nicht wert. Jetzt habe ich nichts mehr. Ich mache endgültig Schluss. Du bist schuld, Alex!

Es war meine Schrift.