26. September, 10 Uhr 37

Den letzten Tag habe ich trotz aller Rückschläge überstanden. Ich war nicht mal so verkatert, wie ich befürchtete. Bin aber trotzdem froh, dass gestern in den Geschichtsbüchern steht.

So ein Döner muss doch recht fettig sein, jedenfalls spürte ich den übertriebenen Alkoholkonsum kaum. Was natürlich nicht heißt, dass der Abend nicht nachgewirkt hat.

Mir ist über Nacht klar geworden, dass das alles doch ein starkes Stück war. Der alte Anders würde den gestrigen Abend und dessen Erkenntnisse relativieren. Bla, zu viel getrunken, bla, ist deren Sache, bla, geht dich nichts an, bla, bla, bla.

Ich bin es leid, die Fehler von anderen schön zu reden. Es ist nicht nur deren Sache, auch meine. Und in diesem Fall habe ich keinerlei Fehler gemacht, sondern wurde betrogen und belogen. Ich werde mir sowas nicht mehr bieten lassen. Es ist eine neue Ära angebrochen als wäre der König gestorben und nun lang leben.

Ich bin wiedergeboren und werde keine Ausflüchte und Begründungen für den Verrat suchen. Warum sie es getan haben, ist mir gleich. Meine Entscheidung steht: Rache. Wer was wie gemeint hat, spielt keine Rolle wie ein arbeitsloser Schauspieler. Ich will für Fakten sorgen.

Fest steht: Alex ist ein Luder, das mich betrogen hat. Lars ist ein Verräter, der mich belogen hat. Auch der Rest dieser Sippschaft aus Bremen hat mich verraten. Ich würde sie mir am liebsten alle vorknöpfen. Einen nach dem anderen ausquetschen und zur Rechenschaft ziehen. Aber praktikabel wäre das nicht. Ich muss kühl und kalkuliert arbeiten. Es wäre Verschwendung wie das Wasser beim Zähneputzen laufen lassen, wenn ich wegen solchen Leuten auffliege. Der Suizidkönig ist zu wichtig.

Ich bin nicht mehr wütend, nur noch entschlossen. Klar, ich würde gerne Lars die Glocke läuten und Alex ins Mikrofon singen lassen. Das bringt jedoch nur ungewollte Aufmerksamkeit. Ich bin erfolgreicher, wenn ich im Dunkeln arbeite. Ich habe sowohl Zeit als auch das Überraschungsmoment auf meiner Seite. Jetzt heißt es: gute Miene zum bösen Spiel. Statt meine wahren Gefühle zu zeigen, werde ich Schweigen und Abnicken. Wenn mir danach ist, sogar Verständnis heucheln.

Alex und Lars sitzen im Baum…
Und beißen bald ins Gras.

Leider kann ich sie nicht beide gleichzeitig in den Abgrund reißen. Ein Unfall kann sein, aber zwei Unfälle würden auffallen. Und wenn sie auffallen, falle ich auf. Wenn ich mein Talent auskosten will, muss ich lernen mich in Geduld zu üben, auf Sachen mit etwas Abstand zu reagieren. Sonst lande ich früher oder später im Knast.

Als wäre das nicht genug. Die Sache mit Anna… So jäh an Alex’ Untreue erinnert zu werden, hat mich auch bei Anna verunsichert. Dass sie sich partout nicht gemeldet hat, hat mich weiter zermürbt. Auch die anderen E-Mails, die ich ihr geschickt hatte, blieben unbeantwortet. Ich habe mir dann eingeredet oder klar gemacht, dass sie mich wohl gerade betrügt.

Nach einem weiteren Vortrag für Annas Mailbox, hatte ich genug. Ich wollte nur noch raus. Entschloss mich, durch mein altes Viertel ziehen. Mit Anna hatte ich zwischenzeitlich abgeschlossen. Die kann mich mal. Ich war mir sicher, dass sie mich ignoriert. Ich habe mir schon zurechtgelegt, wie ich mit ihr Schluss machen werde.

Ich habe mir ein paar Scheine in den Geldbeutel gelegt, wollte gerade meine Schuhe anziehen. Und dann hat plötzlich mein Handy geklingelt. Natürlich: Anna rief an. Das war wohl Gedankenübertragung. Bevor ich sie anmotzen konnte, nahm sie mir den Wind aus den Segeln: „Hey Baby, tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe. Mein Handy war einfach weg.“

Sie meinte, dass der Geburtstag total stressig war, dass sie ihr Handy bei ihren Eltern verloren hat. Es wäre angeblich in das Polster der Couch gerutscht. Der ganze Trubel hätte sie so überfordert, dass sie Handy nicht suchen konnte. Durch das Chaos sei es erst jetzt wieder aufgetaucht. Ihre Mutter hätte es beim Putzen gefunden. Auf meine Frage bezüglich der E-Mails: „Ohhh, da hab ich gar nicht dran gedacht!“ Wer’s glaubt.

Ich dachte während des Gesprächs an meinen Vorsatz und habe für den Rest der Unterhaltung die gute Miene aufgesetzt. Gut, so war das halt. Dass ich mir nach dem Katerbier noch ein zweites gönnte, kann mir niemand übel nehmen.

Nun werde ich erstmal die Zeit mit meiner Familie genießen. Der Tag heutige dürfte stressig werden. Ich denke, ich werde heute Abend nur wenige Schäfchen zählen müssen.

Der Familientag geht gleich los: Mittagessen bei meinen Eltern. Neben der Stammbesetzung kommen auch meine beiden Nichten. Da ich ihnen noch ein paar Geschenke kaufen möchte, war es das an dieser Stelle.